Letzte Runde – 3.10.2020

Am 03.10.2020 war die letzte Runde. Fremde Federn war für die letzten acht Jahre die Weiterentwicklung des Oldenburger Poetry Slams. Wir wollten das Format verlässlicher machen – einerseits für das Publikum und andererseits für die Auftretenden. Durch die Förderung der Stiftung Niedersachsen konnten wir Gagen, Fahrtkosten und Übernachtungen zahlen weit ab von der sonst üblichen Übernachtung in der WG-Küche und einer Schale Pasta Mortale.

Von daher möchte ich im Namen aller Auftretendinnen und Auftretenden DANKE sagen. Selbstredend dem nimmermüden Literaturhaus Oldenburg (ehedem literaturbüro), unserem unverwüstlichen Bühnentechniker Frank, dem Wilhelm 13 und seiner Thekencrew und natürlich allen Besucher*innen. Ohne Euch wäre das alles nichts.

In den Jahren erlebt man so einiges. Mein persönliches Highlight die unauffindbare Poetesse, die auf der Anreise verhaftet wurde. Sicher nicht nur ich hätte mir gewünscht, dass wir das Format würdiger zur Ruhe betten können als es nun der Fall ist. Die letzten beiden Veranstaltungen waren besonders und eindrucksvoll, aber nicht wirklich schön. Die Onlineversion hat nicht funktioniert und die Live-Veranstaltung am 3.10. höchstens technisch. Große Abstände zwischen dem Publikum, Abstände auf der Bühne, Maskenpflicht und keiner traut sich zu lachen oder sonstwie zu agieren: das ist Dystopie live und in Farbe.

So oder so ist das einzig Beständige im Leben die Veränderung und mitunter müssen Abschiede genommen werden. Das ist in Ordnung. Poetry Slam ist in den letzten Jahren geworden wie Punkrock: noch nicht ganz tot, aber es riecht schon recht streng. Schaut man auf die Wurzeln von Slam Mitte der Neunziger Jahre, dann findet man eine anarchische Szene von Bauarbeitern, Social Beat-Poeten und anderen Freaks – etwas lebendiges, aber dafür auch unberechenbares. Ich denke dabei gerne an Tobi Kirschs Poetry Slams im Alluvium zurück. Himmel, dort wurde sogar noch geraucht. Das fühlt sich so lange an wie das Alluvium als Erdzeitalter her ist.

Poetry Slam 2021 bedeutet trotz der temporären (?) quasi Abschaffung des Live-Kulturbetriebs immer noch ARTE-Übertragung, Deutsche Meisterschaften (die reguliert sind wie unser Kleingarten durch das Bundeskleingartengesetz) und komplett durchakademisierte Veranstaltungen, bei denen man ohne Verbeamtung eigentlich gar nichts mehr auf der Bühne wollen muss. Kann, muß aber nicht.

We had our share.

Mario Filsinger, 20.02.2021

Das Programm des Literaturhaus Oldenburg finden sie hier.